Ist Yoga nur für „weiße“, schlanke Frauen? Interview

Helene Dallinger hat die drei Gründerinnen von „Yoga ist politisch“ – Antonia, Kerstin und Meike interviewt. Hier könnt ihr es in voller Länge lesen – und natürlich auch kommentieren.

Warum habt ihr euch gegründet? Was ist eure Message, euer Anliegen?

Wir haben yoga_ist_politisch Mitte 2021 ins Leben gerufen, um dafür zu sensibilisieren, dass die nach Lavendel duftende Yogawelt Machtstrukturen, Ausbeutungsmechanismen unterworfen ist. Statt einfach zu verurteilen, suchen wir gemeinsam mit der Community nach Wegen, wie wir als Yogi:nis Haltung zeigen können.

Wir haben yoga_ist_politisch gegründet, um den Yoga von der Matte in den Alltag zu tragen und um ein diskriminierungssensibles Netzwerk zu schaffen. Wir schreiben hier aus der folgenden Perspektive: wir sind (bisher) weiß-deutsch-privilegierte und ableisierte Frauen. Dabei wollen wir unsere Privilegien wie unsere eigenen Diskriminierungserfahrungen nutzen, um auf blinde Flecken und Leerstellen in der Yogaszene hinzuweisen und gemeinsam antirassistischer, antisexistischer, sensibler und prider & woker zu werden. Wir reflektieren uns, unsere Haltung innerhalb der Yogaszene, unser Wissen über Yoga sowie unsere Position als Yogi:nis und laden dazu ein, mitzumachen. 

Unsere politische Arbeit ist in die Vermittlung von Yoga als moderne Lebensphilosophie und in die Bildung über die Wurzeln des Yoga eingebettet. Denn das theoretische Wissen über die Fundamente des Yoga sind unser Ausgangspunkt für die politische Praxis. Dabei folgen wir nicht blind einer Lehre, sondern setzen uns kritisch mit den Schriften des Yoga auseinander. 

Wir sind hier, um die Nutzung von Yoga als und in der kapitalistischen Werbung, Wokewashing und problematische Wellnessnarrative nicht länger unhinterfragt stehen zu lassen. 

Wir sind laut gegen Ableismus, Lookismus und Bodyshaming in der Yogaszene, denn jeder Körper ist ein Yogakörper und Yoga ist für alle da. 

Wir sind hier, um Solidarität und Mitgefühl in der Yogaszene zu stärken und damit Gewaltlosigkeit zu leben. 

Wir sind laut gegen White Supremacy, Rassismus, Klassismus, Kapitalismus und Leistungsdruck in der Hustle-Culture.

Wir sind hier, um uns für die faire Behandlung und Achtung der Würde aller Lebewesen einzusetzen.

Frauen war Yoga lange Zeit verboten, bis ins 20. Jahrhundert hinein. Heute ist die Mehrheit der Yogapraktizierenden weiblich. Warum ist das eurer Meinung nach so?

Es ist umstritten, ob Frauen den Männern in der vedischen Zeit gleichgestellt waren oder ihnen bereits damals Yoga verboten war. Indra Devi ist eine der Pionierinnen des Yoga für Frauen, die aus Russland vor der Oktoberrevolution floh und dann ein glamouröses Leben zwischen Berlin, Indien und Kalifornien führte. Sie pflegte Beziehungen zu Mahatma Gandhi und Krishnamacharya, der sie bat, Yoga zu unterrichten. Sie schrieb insgesamt 5 Bücher, die weltweit verlegt wurden und unterrichtete auch international Yoga und konnte sogar die Sowjetunion davon überzeugen, Yoga zu erlauben und nicht mehr als eine verbotene Religion einzustufen. Sie war auch medial sehr bekannt und unterrichte bekannte Schauspielerinnen, was Yoga für Frauen noch populärer machte.

Letztlich hat aber der Fokus auf Yoga Asana und die Kapitalisierung des Yoga auch dazu geführt, dass Yoga als Produkt überwiegend an schlanke, weiße Frauen vermarktet wurde.

Welche Rolle haben Frauen bei der Verbreitung von Yoga seit Mitte des 20. Jahrhunderts eingenommen?

Heute werden Yogaklassen mehrheitlich von Frauen besucht und unterrichtet. Genauso ist auch in den Ausbildungen die Frauenquote sehr hoch. Diese Entwicklung, vom Ausschluss von Frauen im Yoga bis zur Aneignung der Yogapraxis durch Frauen, liegt sicherlich zum Einen an weiblichen Repräsentantinnen des Yoga im Westen wie z.B. Indra Devi. Zum Anderen wird Yoga im Westen mit sanftem Sport, Wellness und Selbstfürsorge assoziiert und diese Sphären wiederum traditionell dem Weiblichen zugeordnet, was gleichzeitig für viele Männer davon abhält Yoga zu machen. Denn “weibliche” Eigenschaften sind nach wie vor für viele Menschen unattraktiv. Also hat sich im Westen eine “weibliche” Yogabubble gebildet, in der vor Allem Frauen tätig sind. Beachtenswert ist aber die Tatsache, dass es nach wie vor kaum/keine (?) weibliche Yoga”gurus” gibt. Diese sind nach wie vor Männer. Frauen haben das Yoga also als Lernende verbreitet, während Männer nach wie vor eher die Lehrenden sind. 

Yoga wird heute oft für die weiße, schlanke Frau vermarktet, mit starkem Fokus auf Fitness und einem gewissen „Ich-Unternehmer*innentum“. Nach dem Motto: „werde noch leistungsfähiger durch Entspannung mittels Yoga“. Was hat dieses vom Westen geprägte Yoga noch mit dem ursprünglichen Gedanken von Yoga zu tun?

Problematisch ist in der Yogawelt, dass Lösungen für gesellschaftliche Probleme wie Leistungsdruck im Kapitalismus auf individueller Ebene gesucht werden. Jede Menge “selfcare” basiert nur auf der Idee, wieder fit zu werden für den Markt und um passend zu sein für ein System. So landet Yoga im Fitnessstudio und im Büro, und möglicherweise zahlt der/die Arbeitgeber:in auch noch die Fitness-App. Das hat aber nur sehr wenig mit dem Yoga zu tun, das vor tausenden Jahren entstand und es auch nicht unser Recht, Yoga zurechtzubiegen und auseinanderpflücken. Yoga in seiner Gänze hat nach Patanjali acht Pfade, die alle gleich wichtig sind und aufeinander aufbauen.

Oft geschieht der Einstieg in die Yogapraxis über Leistungsorientierung im Fitnessstudio oder im Unternehmen. Yoga wird auch ärztlich empfohlen bei Stress, Burn-Out etc. Ein Effekt, den wir aber beobachten können, ist, dass sich aus dem anfänglichen Interesse dann auch eine tiefe Neugierde und eine regelmäßige Yogapraxis, die mehr als Yoga Asana umfasst, entwickeln kann.

Inwiefern ist westliches Yoga im Kontext kultureller Aneignung („cultural appropriation“) zu sehen? Wie können Yogapraktizierende damit umgehen?

Die Anwendung und Selbst-Bereicherung von Attributen einer anderen Kultur ist ja quasi die Definition des Yoga als Konsumprodukt in der westlichen Welt. Darüber sollten sich Yoga Praktizierende und Yogalehrende im Klaren sein und das gilt es auch als ersten Schritt anzuerkennen. Yoga ist ein Kulturgut aus dem südlichen Asien und eine komplexe Philosophie, die das ganze Leben umfasst. Yoga ist deshalb auch inhärent politisch und gibt, unter anderem mit den Yoga Sutras, eine Handlungsanweisung für persönliche und gesellschaftliche Herausforderungen.

Wichtig ist, über die Wurzeln des Yoga zu lernen und sich und die eigene Praxis auch kritisch zu hinterfragen. Es gibt Wege, Yoga zu praktizieren die nicht verletzend, diskriminierend und aneignend sind. Dazu gehört aber in erster Linie eine ehrliche Auseinandersetzung mit den eigenen Intentionen und dem Yoga in Gänze.

Probleme der Sexualisierung und Objektifizierung von weiblichen Körpern gibt es auch im Yoga, in den vergangenen Jahren wurden einige Vorfälle sexueller Übergriffe in Yogastudios bekannt. Was muss sich diesbezüglich Ihrer Meinung nach im Yoga verändern? Wo liegt das Problem?

Wie bereits angesprochen, gibt es in vielen Yogakreisen nach wie vor das Phänomen des männlichen “Gurus” und seiner vornehmlich weiblichen Schülerinnen. Qua seines Status hat der Guru Macht über seine Schülerinnen, was ihn in die Lage versetzt, diese auch sexuell auszubeuten. In vielen Vorfällen sexueller Übergriffe spielte die Sexualisierung von Spiritualität eine große Rolle, also die Lüge, durch Sex mit dem Guru spirituell aufzusteigen. Unserer Meinung nach ist es daher unerlässlich, die Rolle des Guru kritisch zu hinterfragen und auch im Yoga eine antisexistische Kultur zu etablieren, in der Nein Nein bedeutet. Es braucht ebenso die Strukturen, die dazu empowern, sexuelle Übergriffe sichtbar zu machen und eine “Schwesternschaft”, die sich gegenseitig davor schützt und durch die Kraft der Gemeinschaft den Guru entmachtet. 

Inwiefern kann Yoga eine feministische Praxis sein? Wie kann Yoga auch Raum geben für Menschen, die queer, disabled und BIPoc sind und nicht dem normschönen schlanken Körper entsprechen?

Yoga kann feministisch, antidikriminierend und inklusiv sein, wenn er von feministischen, antidikriminierend und inklusiv handelnden Menschen gelebt wird. Gleichzeitig kann die Yogapraxis auch dabei helfen, diskriminierende Sozialisierung aufzulösen und einen solidarischen Zugang zur Praxis zu schaffen, denn die Yamas und Niyamas geben eine selbstreflektierende, vereinende und gewaltfreie Linie vor. Letztlich ist Yoga anpassbar und auch ein weites Feld. Yoga ist nicht falsch, wenn keine komplizierten Yoga Asana geübt werden. Yoga ist auch Achtsamkeit, Meditation, Gewaltfreiheit, Atem etc.

Man könnte meinen, dass Yoga durch die Fokussierung auf das Individuum und die persönliche Entspannung eher Symptombekämpfung ist, statt politische Praxis. Eurer Meinung nach ist Yoga politisch. Inwiefern? Wie sieht eine politische Yogapraxis aus?

Es ist in der Yogaszene weit verbreitet, sich von den unschönen Seiten des Lebens abzuwenden und vollkommen unpolitisch zu werden. Aber für uns gilt immer: “Das Private ist politisch”. Letzten Endes ist die Idee der Einheit im Yoga ein Aufruf danach, mehr Gerechtigkeit zu schaffen. Yoga kann achtsam und empathisch machen für politischen Aktivismus und eine Kraftquelle sein, um aktiv zu werden. In dem Gedanken der Einheit und Gewaltfreiheit geht es auch darum sich für andere Lebewesen einzusetzen. Yoga kann stabilisieren, Halt und Kraft geben, verbinden. Ahimsa – Gewaltfreiheit – leben bedeutet eben auch, Machtverhältnisse und Privilegien zu hinterfragen.

Wir sind als Yogalehrer:innen auch Teil des kapitalistischen Systems, und sind allein deshalb dazu aufgerufen unsere Praxis und Arbeit kritisch zu hinterfragen und als ganzheitliche Lebensphilosophie zu unterrichten.


Anmerkung: Da man im Titel nichts kursivieren kann, möchten wir trotzdem darauf hinweisen, dass die korrekte Schreibweise weiße Frauen lautet. Deshalb haben wir uns im Titel des Textes für die behelfsmäßige Variante mit den Anführungsstrichen entschieden.

Interviewfragen von Helene Dallinger | Foto von cottonbro von Pexels

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